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The Who’s Tommy

 

 

Frankfurter Rundschau

14. November 2011, Von Judith von Sternburg
Der Junge, der verloren ging

Das English Theatre macht sich mit viel Mut und Geschick an das Musical „Tommy“

Aus solcher Nähe, so handgestrickt und dabei so gut handgestrickt können sich Musical-Zuschauer nicht alle Tage ein Musical anschauen. „Tommy“ von den Who’s und von 1969, auf Deutsch auch gerne Rock-Oper genannt, ist nicht nur nach eigenem Bekunden, sondern ganz offensichtlich das aufwändigste Musical, das das English Theatre Frankfurt bisher gestemmt hat.

Die Bühne ist klein, die Bühnentechnik übersichtlich, aber was da ist, wird genutzt, und den Rest lässt Regisseur Ryan McBryde selbst machen. So kann der Zweite Weltkrieg dröhnen zum bizarren Tanz der Luftwaffenpiloten und der Spiegel, in den der selbstverlorene Tommy starrt, vielfach fantastisch zerspringen. Und die psychedelische Extrabeleuchtung für das Happy End vorm hier zappedusteren Ende bringen sich die Tänzer selbst mit auf die Bühne. Alles klappt, nicht weil es einfach wäre, sondern weil es gut vorbereitet worden ist.

Jeder Quadratzentimeter zählt

Gar nicht bescheiden ist zudem die Musik von Pete Townshend, die Thomas Lorey mit seiner Band von oben auf uns hernieder donnern lässt. Die Bühne hat Diego Pitarch in eine finstere Häuserschlucht verwandelt, die Gebäudewracks taugen als Kriegsruinen, runtergekommene Gegend und Flipper-Bude gleichermaßen. Die Flipper-Bude ist besonders wichtig, denn der durch Schicksalsschläge traumatisierte Tommy gilt bekanntlich als blind, taub und stumm, kann aber flippern wie kein zweiter. Es gibt ferner ausreichend Türen und Leitern, um zu verschwinden oder das Stockwerk zu wechseln. Sich ganz nach dem willen der Regie öffnende und schließende, teils kreisrunde Lücken ermöglichen weitere Auf- und Abgänge oder Videoeinspielungen. Denn hier wird jeder Quadratzentimeter belebt, auch mit der Choreografie von Drew McOnie. Er hisst vertraute Flaggen, aber mit Schwung und Witz. Bei großen Sprüngen fangen die Tänzer sich gegenseitig mittendrin auf und ab, was ohnehin pfiffig ist, aber noch dazu ein pfiffiger Umgang mit dem Raum. Beengt wirkt es nie.

Der Pechvogel Tommy, der als kleines Kind erleben muss, wie sein unerwartet doch noch aus dem Krieg heimkehrender Vater den neuen Freund seiner Mutter erschießt – nach einem hocheleganten Ringkampf unter Tänzern – wird von drei Generationen dargestellt. Den weitgehend stummen Sechs- und den restlos stummen Zwölfjährigen übernehmen verschiedene hessische Kinder und sie machten ihre Sache perfekt stoisch. Wobei Tommy 2 bereits nur noch mit Gesichtsmaske auftritt. Es gibt sie in drei Größen und fleischfarben nimmt sie bloß die Sinnesorgane und die scharfen Konturen weg, aber weiß heißt hier: nur. Der dann geheilte dann zwischenzeitlich als Messias auftretende Erwachsene wird mit der erforderlichen Leidenschaft von Leo Miles gespielt, wie der Rest der kleinen, entschlossenen Truppe aus London eingeflogen.

Der Handlung kann man gelassen folgen, was an sich sonderbar ist, scheinen doch Themen wie Kindesmissbrauch oder Massenwahn eher noch aktueller zu sein als einst. Vielleicht ist das Symbolträchtige zu deutlich, um beim Theatergänger die reine Erschütterung zuzulassen. Die englischen Texte sind übrigens ein Labsal gegenüber Übersetzungsversuchen.

PRINZ

präsentiert: The Who’s Tommy, Von Tobias
“Tommy” ist wieder da! Nach 15 Jahren kommt das Musical nun zurück an den Main – und hat schon vor der Premiere einen enormen Ansturm auf die Karten ausgelöst. Völlig zurecht, wie wir finden.

Wir sehen Ruinen, den Union Jack auf dem Boden, Projektionen von Krieg, Bomben, Feuer. In der Mitte, erst auf dem Boden stehend, dann darüber schwebend, eine Person in roter Kleidung. Eine Maske verschleiert Augen und Mundpartie fixiert auf einem Gestell, ähnlich wie Hannibal Lecter. Allerdings mit einem gravierenden Unterschied: Tommy ist nicht Täter – er ist Opfer. Er ist taub, stumm und blind, nach dem er Zeuge wurde, wie sein Vater den Liebhaber seiner Mutter tötet.

Was nach großem Drama klingt, ist in der Geschichte von Tommy tatsächlich noch der nachvollziehbarste Teil. Der Zweite Weltkrieg, vor allem deutsche Bomber, beuteln England. Mr. Walker, Kampfpilot und Vater des am Victory Day geborenen Tommy, gilt als verschollen. Die Mutter schlägt sich allein durch – bis der Vater wieder auftaucht und diesen einen, verhängnisvollen Mord begeht. 

Bis hierhin sind wir uns sicher, dass wir die Rahmenhandlung erzählt bekommen. Doch was dann folgt, ist eine krude Aneinanderreihung von teils unvorstellbaren, bizarren und gruseligen Wendungen, die das Leben des Tommy Walker nimmt. Sei es der Missbrauch durch Onkel Ernie, die Misshandlungen von Cousin Kevin, die obskure Behandlung durch die Gypsy Queen, der unglaubliche Aufstieg als Flipperkönig, die unvorstellbare Verehrung und der tiefe Fall, nachdem die Huldigung überhand nimmt. Trümmer im Kopf. Das Ende, ist wie der Anfang. Waren wir Zeuge eines Alptraums, einer Vision oder eines zuckenden Gedankens? 

Regisseur Ryan McBryde lässt die Frage bewusst offen. Und es ist zum ersten Mal eine logisch schlüssige Inszenierung der Geschichte von Tommy. Die Heilung nur geträumt? Alles nur geträumt? 

Relevanter als die Lösung dieser Frage sind die Musik, die Performance und der Beat. Und das alles ist erstklassig! Das English Theatre bewegt sich erneut an den Grenzen des auf der Bühne machbaren. Bis 12 Stunden vor der Premiere wurde am Sounddesign getüftelt, das Timing der Kostümwechsel abgestimmt, das Lichtdesign und der Ablauf der Videoprojektionen auf zwei Screens ausgetüftelt. Jetzt läuft’s. Thomas Lorey leitet die siebenköpfige Band, die in der Kulisse nicht sichtbar die The Who-Songs kraftvoll klingen lässt. 

Das Ensemble ist ohne Ausnahme stimmlich in der Lage, jeden Song perfekt umzusetzen. Besonders hervorgehoben seien hier Mark Powell und Natalie Langston als Mr. und Mrs. Walker (Highlight ist das Duett “I Believe My Own Eyes”), Callum Train und James Ballanger als “Pinball Wizards”, Shimi Goodman mit seinem rauchigen Bariton als Priester, Kimmy Edwards als Gypsy Queen, Giovanni Spanó als Kevin – und natürlich Leo Miles als Tommy.

So viel Spaß hat “Tommy” noch nie gemacht. Die 95er-Show im Offenbacher Capitol? – Geschenkt!. So pointiert, so ehrlich, war noch keine Inszenierung. Das Musical hat durch diese Produktion einen neuen Schub erhalten (Choreographie von Drew McOnie, Bühnenbild von Diego Pitarch). Und schon jetzt steht fest: 2012 geht diese Gruppe auf Tour. Bis April wird in Frankfurt gespielt, dann geht es nach Wien, Budapest, München und in 11 weitere Städte. Damit wird das English Theatre nicht nur das größte auf dem europäischen Kontinent sein, sondern auch das bedeutendste.

Fazit: So viel Spaß hat “Tommy” noch nie gemacht!

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

14. November 2011, Von Christian Riethmüller
Flipperautomat des Lebens“The Who´s Tommy” am English Theatre

“Deaf, dumb and blind” – taub, stumm und blind – zu sein, reichte nicht aus. Die interne Festplatte voller Erinnerungsschnipsel und Assoziationsketten, Bilder und Töne, müsste schon gelöscht sein, um “The Who’s Tommy” in unverfälschter Weise wahrnehmen zu können. Wenn die Hits aus einem der berühmtesten Konzeptalben der Rockgeschichte erklingen, dem ja zudem auf ewig das  bescheuerte Etikett der “ersten Rockoper” anhaftet, dann kommt einem vielleicht jene legendäre Sequenz aus dem dem “Woodstock”-Film in den Sinn, als The Who anno 1969 in den Sonnenaufgang hinein “See me, feel me” spielen. Dazu schwingt Roger Daltrey sein Mikrofon wie ein Lasso und Pete Townsend schlägt die Gitarre mit jenem windmühlenhaften Kreisen an, das sein Markenzeichen geworden ist. Möglicherweise denkt man auch an Tina Turner als “Acid Queen” oder Elton John als “Pinball Wizard”, weil irgendwo im TV-Programm mal wieder Ken Russells “Tommy”-Film aus dem Jahr 1975 ausgegraben worden ist.

Vielleicht denkt der Sitznachbar im Theater aber auch an persönliche Erlebnisse, die er mit der Musik von The Who und speziell “Tommy” verbindet, wenn er vergnügt mit dem Fuß wippt und schon in Vorfreude auf das nächste berühmte Motiv oder Riff  auf seinem Oberschenkel sanft den Takt schlägt.

Solche Reaktionen werden in den nächsten Monaten im English Theatre Frankfurt fast jeden Abend zu beobachten sein, hat doch die Vorfreude auf “The Who’s Tommy” in der Rock-Musical-Version von Pete Townsend und Des McAnuff schon im Vorverkauf einen wahren Ansturm auf die Tickets ausgelöst. Unter der Regie des schon bei Erfolgen des English Theatre wie “Spring Awakening” oder “The Full Monty” bewährten Ryan McBryde und der musikalischen Leitung von Thomas Lorey wird “Tommy” hier in der Lesart der sehr erfolgreichen Broadway-Version aus den frühen Neunziger Jahren geboten, die später auch über ein Jahr lang im Capitol in Offenbach gezeigt wurde, bevor finanzielle Turbulenzen den Seifenblasentraum von einem dauerhaft aufgeführten Musical im Rhein-Main-Gebiet platzen ließen.

Tommy Walker (Leo  Miles) ist auch in der Musical-Version das “deaf, dumb and blind Kid”, traumatisiert seit einer Bluttat in seiner Kindheit, als der im Zweiten Weltkrieg verschollen geglaubte Captain Walker (Mark Powell) doch noch nach Hause kehrt und dort seine Frau (Natalie Langston) mit einem anderen Mann (Simon Hardwick) vorfindet. Bei einer Rangelei erschießt Walker den Nebenbuhler. Der kleine Tommy (gespielt von insgesamt 16 Kindern aus dem Frankfurter Raum, die sich Abend für Abend abwechseln) wird von seinen Eltern bekniet, nichts gehört und nichts gesehen zu haben und nichts zu sagen. Tommy verfällt tatsächlich in Apathie, die an Autismus denken lässt. Seine schuldbeladenen Eltern versuchen zwar  mit allen Mitteln – Medizin, Religion, Psychiatrie und Drogen – ihn zu heilen, doch Tommy bleibt in sich gefangen. Wie manche Autisten entwickelt der Junge, der immer wieder  in den Spiegel starrt,  allerdings eine Inselbegabung: Er ist unschlagbar am Flipper-Automaten.

Als seine verzweifelte Mutter eines Tages den Spiegel zerschmettert, kommt Tommy wieder zu Bewusstsein. Er hat nun wieder Kontrolle über seine Sinne und erfährt so im übertragenen Sinne eine spirituelle Neugeburt. Das begeistert die Massen, die in ihm einen Messias sehen wollen. Doch der ist Tommy Walker nicht. Als er sich der Anbetung verweigert, wenden sich seine Jünger voller Zorn ab. Während die ihr Heil weiter suchen müssen, findet Tommy seines in der Familie.

So ließe sich das Ende des Musicals deuten, vor allem weil Tommy das legendäre “Listening to you” seinen Eltern und eben nicht wie in der frühen Bühnenfassung von The Who seinen Fans singt. Doch das letzte Bild der Frankfurter Inszenierung könnte auch in eine andere Richtung führen. Da ist Tommy wieder in sich selbst gefangen, ganz so, als würde der Geist doch niemals “I’m free” jubilieren dürfen.

So greift die gelungene Inszenierung, die in Diego Pitarchs karg gehaltenem, aber mit Tapio Snellmans Video-Design genügend visuelle Reizpunkte bietendem Set, doch wieder Townsends ursprüngliche Skepsis gegenüber den Heilsversprechen der modernen Gesellschaft auf, die ohne Selbstreflektion zu haben wären.

Souverän von der Band um Lohrey intoniert, sind die berühmten Songs bei  der spielfreudigen Darstellerriege bestens aufgehoben. Für die Musical-Version ohnehin zu Duetten oder gleich Chören umgeschrieben und mit “Westside Story”-ähnlichen Choreographien versehen, tritt sogar das Bild vom blondmähnigen, oberkörperfreien und vor allem stimmgewaltigen Roger Daltrey zurück, gegen das der dunkelhaarige, schmale und anfangs auch unsicher ansetzende “Tommy“-Darsteller Leo Miles erst einmal ankämpfen musste, bevor er der Rolle seinen eigenen Stempel aufdrücken konnte. Der in Nebenrollen, etwa als Priester oder TV-Moderator, auftretende und mit einer bemerkenswerten Soulpop-Stimme gesegnete Shimi Goodman hätte ihm da schon manches Mal die Show stehlen können. Doch der musste ja auch nicht gegen die geballte Flut von Erinnerungsschnipseln antreten.

 

Frankfurter Neue Presse

14. November 2011, Von Thomas Ungeheuer
Außenseiter lernt flippern
Im „English Theatre“ Frankfurt hatte Pete Townshends Rock-Musical „Tommy“ Premiere. Die Neuinszenierung von Ryan McBryde soll auch auf Tournee durch andere Städte gehen. Das Stück erzählt von einem blinden, taubstummen Jungen.

Was geht im Kopf eines jungen Menschen vor, der taub, stumm und blind ist? Tommy Walker (Leo Miles) erinnert sich an den Tag, als er all dies wurde. Vier Jahre alt ist der Bub (junge Tommys: wechselnde Darsteller), als er mit ansehen muss, wie sein Vater (Mark Powell), der als Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg heimgekehrt ist, einen Zivilisten tötet. Gemeinsam mit Tommys Mutter redet der Mörder auf seinen Sohn ein, von der brutalen Tat weder gesehen noch gehört zu haben. Tommy soll schweigen.

Traumatisiert bleibt der Junge von nun an taub, stumm und blind. Nichts scheint ihn wieder gesund machen zu können. Ärzte pumpen in das apathische Kind Medikamente hinein. Vergeblich. Während die Zeit der Kindheit licht- und lautlos verstreicht, wird Tommy zum schutzlos verhöhnten Außenseiter. Dann jedoch reagiert er auf einen Flipper-Automaten. Nachdem dessen Spiegel zerbricht, sieht, hört und spricht Tommy wieder. Fast erwachsen, entdeckt er sein Talent fürs Flippern. Schnell steigt er zum umschwärmten Flipperkönig auf. Ob ihn die neue Rolle glücklich macht?

In bildgewaltigen Szenen erzählt der Regisseur Ryan McBride diese klug durchdachte Geschichte. Innerhalb von Diego Pitarchs äußerst gelungenem Bühnenbild, das einem heillos zerbombten London nachempfunden ist, entwickelt sich “Tommy” mit seinen teils alptraumhaften Momenten zu einem gleichermaßen bedrückenden wie spannenden Musical. Ganz im Sinne seines Autors Pete Townshend. Auch die Musik des Gitarristen, der mit “The Who” berühmt wurde, interpretiert der musikalische Leiter Thomas Lorey mit seiner Band im “English Theatre” recht nah am Original. Kraftvoll, hart und geradeaus gerockt, gehen die Songs ineinander über. Wobei das vierzehnköpfige Ensemble den einzelnen Stücken mit ihren farbig und intensiv klingenden Stimmen durchweg große Reize verleihen kann.

Ohnehin beruht die hohe Qualität dieser sehr aufwendigen Inszenierung auf der darstellerischen Leistung der überwiegend aus England stammenden Schauspieler. Denn schließlich treten die meisten von ihnen in mehreren Rollen auf, ohne dass sich dies verwirrend auswirken würde.

Journal Frankfurt

14. November 2011, Von Nicole Brevoord
Tommy: Sehen, hören und fühlen
Die Rockoper von The Who, “Tommy”, sorgt in der Neuinszenierung von Ryan McBryde im English Theatre für Furore. Noch vor der Premiere hat der Ansturm auf die Karten begonnen, völlig zu recht, wie sich am Samstag zeigte.

42 Jahre sind vergangen, seit dem die britische Rockgruppe The Who das Album Tommy auf den Markt brachte, 1975 wurde die musikalische Geschichte des jungen Tommy Walker verfilmt, unter anderem mit Tina Turner als Zigeunerin. Spätestens als das Musical, der Begriff Rockoper beschreibt es besser, 1995 seine Deutschlandpremiere im Offenbacher Capitol feierte und über ein Jahr lang dort lief, war klar, dass es sich bei “Tommy” um einen Dauerbrenner handelt, der sich auch hierzulande immer noch einer großen Fangemeinde erfreut. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die bloße Ankündigung des English Theatres. das Musical in sein Programm aufzunehmen, zu einem noch nicht da gewesenen Ansturm auf die Tickets führte, so dass bereits am Tag der Premiere, also am vergangen Samstag, klar war, dass Tommy ein Erfolg werden wird.

Zumal die Produktion so richtig gut und – das muss man ganz klar sagen – sehr aufwändig ist, was Licht- und Animationseffekte angeht. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes namens Tommy Walker, der sich während der Behandlung durch einen Arzt erinnern soll, wie es zu seinem seltsamen Trauma-Zustand gekommen ist. Als Tommy vier Jahre alt war, musste er mitansehen, wie sein Vater, ein lange vermisster Rückkehrer aus dem zweiten Weltkrieg, den Geliebten seiner Mutter erschoss. Die Eltern beschwören den Jungen, er habe nichts gesehen und nichts gehört und solle niemandem etwas von dem Erlebten erzählen. Alsbald ist das Kind stumm, blind und taub und verursacht bei den Eltern einen großen Kummer, denn keine Behandlung scheint dem Sohn zu helfen. Der wehrlose Tommy wird herumgereicht, als Versuchskaninchen missbraucht und von seinem Cousin und seinem Onkel gepiesakt. Nur am Flipperautmaten blüht der traumatisierte Junge auf. Er schart sogar eine Fangemeinde hinter sich, und auch der Blick in den Spiegel scheint ihm eine Hilfe zu sein. Als Tommy plötzlich wieder seine Sinne zurückerlangt, wird er zu einer Art Messias, doch das währt nicht lange…

Drei Personen verkörpern Tommy, Leo Miles spielt inbrünstig und sehr bühnenpräsent den erwachsenen Charaktär, während in jeder Aufführung zwei Kinder in die Rolle des jungen Tommy schlüpfen. Insgesamt 18 Kinderdarsteller wurden für das Musical verpflichtet, die im Wechsel den herumgereichten, traumatiserten Jungen – der zur Versinnbildlichung eine Maske trägt, die seine Gesichtszüge verdeckt – verkörpern. Das von Diego Pitarchs entworfene Bühnenbild zeigt ein Ruinenszenario des von Bomben getroffenen Londons und unterstützt die beklemmende Wirkung des Musicals, dass so ganz ohne Kitsch auskommt und von der gewaltigen Musik des genialen Pete Townshend lebt. Eine sechsköpfige Band untermalt die äußerst gelungene Darstellung der 14 Personen auf der Bühne. Erstaunlich ist, wie viele der Darsteller gleichzeitig mehrere Rollen ausfüllen und in jeder Szene erneut zu überzeugen wissen. “See me, feel me, touch me, heal me” – aber gerne doch.

 

www.kulturfreak.de

14. November 20 11, Von Markus Gründig
Well a young man
 He ain’t got nothin’ in the world these days
(aus “Young Man Blues”, covered von The Who, Original von Mose Allison)

Tommy is back in town. Naja, nicht ganz, denn schließlich fand im Sommer 1995 die deutsche Erstaufführung (in englischer Sprache) im benachbarten Offenbach statt (einen Ausschnitt des Bühnenprogramms gab es allerdings im Sommer 1995 beim „Sound of Frankfurt“ Openair auf der Zeil). Im eigens umgebauten Offenbacher Musicaltheater, dem heutigen Capitol-Theater, wurde die Original Broadwayinszenierung von Regisseur Des McAnuff im Bühnenbild von John Arnone für 1 ¼ Jahre gezeigt. Nachfolgende Produktionen müssen inzwischen nicht mehr die Originalinszenierung übernehmen, was den Regisseuren mehr Freiräume gibt. Und Ryan McBryde, der am English Theatre Frankfurt bereits fast schon als Hausregisseur angesehen werden kann, macht sich dies bei seiner Umsetzung zugute. Zuvor inszenierte er am Haus bereits sehr erfolgreich die Musicals „Spring Awakening“, „The Full Monty“ und „Hair“, wie auch die Theaterstücke „Hysteria“, „Deathtrap“ und „The Fox“.

Bei The Who’s Tommy werden eingefleischte Tommy-Fans mit einigen Überraschungen und neuen Liedern konfrontiert, denn McBryde hat die Geschichte des tauben, stummen und blinden Flipperspielers Tommy Walker in ein stringenteres dramaturgisches Gerüst gepackt. Mit der Konsequenz, dass einzelne Nummern in einer anderen Reihenfolge gezeigt werden. Schließlich weicht schon Pete Townshends und Des McAnuffs Musicalfassung von Ken Russels Filmfassung von 1975 (u.a. mit Eric Clapton, Roger Daltrey, Elton John, Jack Nicholson, Pete Townshend und Tina Turner) ab und die wiederum vom 1969 veröffentlichten Album. Der Bettler ist bei McBryde ein christlicher Priester, der Tommy dann natürlich keine unter Drogen stehende Prostituierte, sondern die heilige Madonna anpreist (die Gypsy Queen steht hier zu Beginn des 2. Akts auf der Bühne). Auffälligster Unterschied ist aber, dass Tommy von Anfang bis Ende als Patient der Psychiatrie gezeigt wird, das Flipperspielen als therapeutisches Mittel empfohlen wird. Gefangen in einem schmalen Käfig steht er zunächst im Raum, schwebt dann kurzzeitig darüber, erlebt sodann die Geschichte als düstere Erinnerung an vergangene Zeiten, um schließlich wieder dort zu landen, wo es begann: im Käfig. Kein offen glückliches Finale. Und dennoch eine gigantische Inszenierung, die sehr detailverliebt die Geschichte herausgearbeitet hat, die mit einem jungen, energetisch aufgeladenen Ensemble mit starken Stimmen glänzt und mit einem atemberaubenden Tempo die durchkomponierte „Musical Journey“ einfallsreich und modern in ihrem historischen Rahmen zeigt. Witzig das „Ballett“ der Kriegsbomber auf Drahtstäben, schön die weihnachtliche Illumination mit bunten Lämpchen, ergreifend die angedeutete Misshandlung Tommys von Uncle Earnie und seinen Abbildern auf einer Fetisch-Drehscheibe (der umfunktionierten Weihnachtstafel), belebend die impulsiven Tanzszenen (wie bei „Pinvall Wizard“ und „Sensation“; Choreografie: Drew McOnie) und schön die stets der Zeit entsprechenden Kostüme von Eva Weinmann.

Das Trauma von Tommy steht für McBryde für das Trauma Großbritanniens nach dem 2. Weltkrieg. Aus dem ist das Land zwar als Sieger hervorgegangen, aber viele Ortschaften wurden von deutschen Bombern zerstört, markiert die Zeit zudem einen Wendepunkt der ehemaligen kolonialen Großmacht zu einem problembeladenen Staat, der sich zunehmend isoliert (immerhin ist der EU-Staat bis heute nicht der Eurozone beigetreten). Dazu sieht er auch Parallelen zu uns heute, wie beispielsweise die Fluch in digitale Scheinwelten.
Die Bühne von Diego Pitarch (der am English Theatre auch längst kein Unbekannter mehr ist), zeigt ein detailverliebtes Abbild der Harfield Gardens, einer kleinen Straße im westlichen London (in der die Familie Walker wohnt). Die Spuren des 2. Weltkrieges sind unverkennbar, denn die Backsteinbauten sind noch nicht wieder aufgebaut. Der Ruß klebt noch an ihnen . Es ist eine düstere Trümmerlandschaft, die Assoziationen zu Gotham City oder der Adams Family weckt (Lichtdesign: Ben Cracknell). Im Hintergrund gibt eine große Öffnung, die multipel genutzt wird (als runde Projektionsfläche, Spiegel und für effektvolle Auf- und Abtritte). Den Boden ziert großflächig ein schäbiges Abbild des Union Jack (der britischen Nationalflagge). Auf einer Galerie befindet sich eine weitere runde Projektionsfläche (auf der u.a. Kriegsszenen, Londonimpressionen, surrealistisch anmutende Traumbilder und ein Datumsticker gezeigt werden; Video: Tapio Snellman). Dort oben sitzt leicht versteckt auch die fünfköpfige Band, die unter der Leitung von Thomas Lorey für einen kräftigen, satten und rockigen Sound sorgt. Viele akustische Spezialeffekte, wie Kriegsgeräusche, Herzschläge und zersplitternde Spiegel (Sounddesign: Stephan Weber / David Horn) reichern die Musik an (und übermalen sie mitunter, wie bei der „Ouvertüre“, die der Rückblende wegen nach „It´s a Boy“ gespielt wird). 
Tommy ist auch hier in drei Altersstufen zu erleben, wobei er als deutliches Merkmal seiner Behinderung fast die ganze Zeit über gesichtslos ist (also eine Maske trägt). Als erwachsener Tommy gibt Leo Miles diesem ein ganz eigenes Profil. In einem roten Rollkragenpulli ist er äußerlich zwar „zugeknöpft“, aber gerade im 2. Akt kann er stimmlich umso freier auftrumpfen. Kimmy Edwards erhielt für ihr intensiv gegebenes Lied „Acid Queen“ als Zigeunerbraut unterm großen schwarzen Liebeszelt den ersten Zwischenapplaus. Als treu sich um ihren Sohn bemühende Eltern gefallen Natalie Langston (Mrs Walker) und Mark Powell (Captain Walker). Jamie Tyler gibt einen einzigartigen schrägen Uncle Ernie, Giovanni Spanó einen ungezügelten Cousin Kevin. Wobei die meisten Darsteller mehrfach besetzt sind, also noch andere Rollen spielen. Wie vor allem die anderen Beteiligten (Jemma Alexander, James Ballanger, Kimmy Edwards, Shimi Goodman, Katy Hard, Simon Hardwick und Callum Train).
The Who’s Tommy ist dank Regisseur Ryan McBryde weit mehr als nur eine schöne Nummernfolge, sondern künstlerisch perfekt aufbereitetes Musiktheater, das zudem mit großen Hits aus der goldenen Zeit des Rock glänzt. Auf der Bühne des größten englischsprachigen Theaters auf dem Kontinent ist es noch bis zum 12. Februar 2012 zu erleben (an den Adventsamstagen 2011 gibt es zusätzliche Nachmittagsvorstellungen).

Offenbach Post

16. November 2011
Der Kerl spielt wirklich einen fiesen Ball, blind, taub und stumm, wie er ist. Aber Tommy Walker gilt ja nicht umsonst als König des Flipperautomaten, oder besser, als „Pinball Wizard“. Walker ist selbstverständlich d e r „Tommy“, Protagonist der ersten und bis heute auch berühmtesten Rockoper, die Pete Townsend 1969 für seine Band The Who ersann. Erst nur ein Konzeptalbum, dann doch für die Bühne aufbereitet und 1975 von Ken Russell fürs Kino verfilmt, erhielt „The Who’s Tommy“ aber erst in der Musical-Version, die Townsend und der Autor Des McAnuff 1993 vorlegten, seine heute bekannte Form. Die wurde mit großem Erfolg am Broadway gezeigt und sollte von 1995 auch Offenbach als feste Musical-Stätte auf der Landkarte etablieren. Dort im „Capitol“ währte die Geschichte aber nur etwas länger als ein Jahr, bevor „Tommy“ aus finanziellen Gründen abgesetzt werden musste.

Der Popularität des Stücks haben die Ereignisse von damals aber nichts anhaben könnte, wie nun das English Theatre Frankfurt mit Entzücken feststellen darf. Kaum ist dort nämlich „The Who’s Tommy“ unter Regie von Ryan McBryde angelaufen, sind bereits über 10 000 Karten allein im Vorverkauf geordert worden. Die Besucher werden es nicht bereuen müssen, denn die Inszenierung in einem karg gehaltenenen Bühnenbild von Diego Pitarch kann sich sehen lassen, was sowohl Tapio Snellmans Videodesign als auch der zupackend und knackig aufspielenden Band unter Leitung von Thomas Lorey, vor allem aber dem spielfreudigen Ensemble zu verdanken ist. Das intoniert die zu Duetten oder gleich Chören umgeschriebenen und zu „Westside Story“-ähnlichen Choreografien dargebotenenen Rockklassiker wie eben „Pinball Wizard“, „I’m Free“ oder „See Me, Feel Me“ mit solchem Schwung, dass die berühmten Originale zumindest nicht ständig im Hinterkopf als Vergleichsmaßstab herhalten müssen.

Am schwersten hat hier Hauptdarsteller Leo Miles zu kämpfen, der nicht nur optisch, sondern auch stimmlich das Gegenteil von „The Who“-Frontmann Roger Daltrey ist. Wie Miles sich aber allmählich die Rolle aneignet und der Tommy-Figur gleich an Statur gewinnt, ist interessant zu beobachten. Vom schwer traumatisierten Kind, das einst Zeuge einer Bluttat wurde, an der seine Eltern beteiligt waren, über die Inselbegabung als Meister des Flipperautomaten bis zur messianischen Gestalt, die die Massen elektrisiert, ist es schließlich ein weiter Weg.

So verrückt, wie Pete Townsend einst die Idee vorgekommen sein mag, einen taubstummen Blinden ausgerechnet über die intuitive Beherrschung von Spielautomaten zum Star aufsteigen zu lassen, erscheint sie aus heutiger Sicht gar nicht mehr, werden doch nun schon Menschen auch ohne jegliches Talent zu „Superstars“ oder „Idolen“ erklärt. So gesehen, ist „The Who’s Tommy“ so zeitlos wie die vielen Hits, die in dem Rock-Musical erklingen.

 

Strandgut

Januar 2012, Von Winnie Geipert

Flash Back

Eingezwängt wie King Kong, so steht Thomas Walker im silberlegierten Eisenkäfig an der Rampe. Sein Gesicht: eine hautfarbene Maske ohne Mund und Augen. »Thomas, Can You Hear Me?«. Die Stimme des Psychiaters aus dem Labor-Off fordert den reglosen Mann im roten Anstaltsdress auf, sich zu erinnern: an seine Kindheit, an seine Eltern.

Dann hebt sich das Gestell und entschwindet zu den ersten Gitarrenriffs, die wie vom Wind bewegt vertraute Klangfetzen aus »See Me, Feel Me«, »Pinball Wizzard« über die Bühne treiben als wären es leere Plastiktüten. Und schon jagt ein Schauer den anderen all jenen über die Rücken, die das alles schon mal mitgekriegt haben. Der junge Rest, das ist versprochen, muss sich deshalb nicht sorgen: Tommy rockt alle.

Im English Theatre hat Ryan McBryde das netto knapp zweistündige Spektakel »The Who’s Tommy« mit großem technischen Aufwand, Live-Band, zwölf Darstellern und zwei Frankfurter Jungs, die Klein-Tommy geben, inszeniert. Kaum zu glauben, dass eine so kleine Bühne derart über sich hinaus wachsen kann. Keine Ahnung, wen man mehr loben soll: die phantastisch agierenden und singenden Darsteller um Leo Miles (Tommy), Mark Powell oder Natalie Langston (!) (Captain & Mrs. Walker), die mitreißenden Tanzchoreographien von Drew McOnie oder doch die von Thomas Lorey perfekt geführte Band?

In einer Ruinenlandschaft (Bühne: Diego Pitarch) kommt Tommy im 2. Weltkrieg zur Welt, sein Daddy aber geht an der Front verloren. Vom Drive der Musik getrieben erleben wir die Bombardierung Londons, die Victory-Feier 1945 und dann den Schock des Jungen, der im Spiegel sieht, wie der zurückkehrende Vater Moms neuen Lover umbringt – und fortan nicht mehr sieht, noch hört, noch spricht. Der Who-Kopf Pete Townshend hatte mehr als nur Musik im Sinn, als er das Behindertenepos schuf und den Protagonisten in ein freilich arg tiefes Tal der Leiden schickt, bevor Flipper-Hero und Jugend-Messias wird. Anders als die Hollywood-Filmversion belässt es Regisseur McBryde aber nicht beim Happyend mit Mom, Dad, & Darling. Seine Fassung wartet mit einer Überraschung auf. Alles nur Flashs, alles nur geträumt?


“Spektakulär!”
Frankfurter Rundschau

 

“Souverän von der Band intoniert, sind die berühmten Songs bei  der spielfreudigen Darstellerriege bestens aufgehoben.”
Frankfurter Allgemeine Zeitung

 

“Soviel Spaß hat Tommy noch nie gemacht”
Prinz

 

“Bildgewaltig!”
Frankfurter Neue Presse

 

“Die Rockoper von The Who, “Tommy”, sorgt in der Neuinszenierung von Ryan McBryde im English Theatre für Furore.”
Journal Frankfurt