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Good People

 

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

13. Mai 2013,  Von Christian Friedrich

Enttäuscht vom amerikanischen Traum

„Good People” am English Theatre in Frankfurt: Das Stück dreht sich um latentes Klassenbewusstsein.

Margaret „Margie” Walsh ist ein Pechvogel. Der alleinerziehenden Mutter einer geistig behinderten Tochter „klebt der Scheiß am Schuh“, wie sie es wohl in „Southie“, einem heruntergekommenen Bezirk im Süden Bostons formulieren würde, ohne allerdings jemals die Entschuldigungsformel „Pardon my French“ zu vergessen. Entschuldigungen helfen jedoch nicht mehr, als Margie (Janet Greaves) wegen ständiger Verspätungen ihren Job als Kassiererin in einem Supermarkt verliert. Dass ausgerechnet Stevie (Will Close), Sohn einer alten bekannten, Margies direkter Vorgesetzter ist und ihr kündigen muss, obwohl er doch um ihre angespannte Lage weiß, passt dabei nur zu gut ins Bild einer vom Glück Verlassenen.

Ohne Job und Geld droht Margie auch noch der Verlust der Wohnung, die die schnoddrige Dottie (Fiz Marcus) ihr vermietet hat. Unverhofft hört sie in diesem Moment über ihre beste Freundin Jean (Louise Yates) wieder von ihrem Schulfreund Mike (Kevin McGowan), mit dem sie einst eine kurze Liebschaft hatte. Als Stipendiat ist es ihm gelungen, die Sozialbauten von Southie hinter sich zu lassen und eine Karriere als Mediziner einzuschlagen. Margie hofft, dass er ihr bei der Suche nach einem Job vielleicht helfen kann, war er doch früher ein feiner Kerl und gehörte zu den „Good People“, wie sie jene Zeitgenossen nennt, die sich ihrer Ansicht nach eine gewisse Anständigkeit bewahrt haben.

Aber was heißt „anständig“ oder „gut“? Dieser Frage spürt der amerikanische Theaterautor David Lindsay-Abaire in seinem im März des Jahres 2011 in New York uraufgeführten Bühnenstück „Good People“ ebenso nach, wie er den – gelungenen – Versuch unternimmt, den vermeintlich so egalitären Vereinigten Staaten ihr unterschwelliges Klassenbewusstsein vorzuführen. In einer Inszenierung von Michael Howcroft ist das beeindruckende Schauspiel am English Theatre Frankfurt nun erstmals in Deutschland zu sehen. Der dreiundvierzigjährige Pulitzerpreisträger Lindsay-Abaire ist selbst im rauen Süden von Boston aufgewachsen, bevor er dank eines Stipendiums – ähnlich wie seine Bühnenfigur Mike – auf eine Privatschule wechseln und später an renommierten Universitäten studieren konnte.

War dieser Weg ins Scheinwerferlicht nun Schicksal oder das Glück des Tüchtigen? „Glück“, würde Margie sagen, während Mike den freien Willen beschwört und die „harte Arbeit“ als Grundlage seines Erfolges preist, der ihm ein schönes Haus voller Designer-Möbel und eine attraktive junge Frau namens Kate (Gracy Goldman) beschert hat. Als Hochschuldozentin zementiert sie zudem Mikes gehobenen sozialen Status. Dass Kate nicht nur gebildet und selbstständig, sondern auch noch schwarz ist, sorgt bei Margie durchaus für Irritation, weil sie im irisch-amerikanisch geprägten Southie eher eine Trennung der Hautfarben gewohnt ist. Mike hat sich in seiner Jugend doch auch mit schwarzen Jungs geprügelt, erinnert sie sich, als sie den Arzt und dessen Frau in einem schicken Bostoner Wohnviertel besucht. Doch gemeinsame Erinnerungen liegen lang zurück und taugen auch nicht mehr dazu, ein Gefühl der Gemeinschaft herzustellen. Zu fundamental verschieden sind die Welten, in denen sich die Jugendfreunde von eins heute bewegen.

Vortrefflich illustriert Lindsay-Abaire am Beispiel von Margie und Mike die Kluft, die sich in den Vereinigten Staaten (und nicht nur dort) zwischen Arbeiter- und Mittelschicht aufgetan hat und den amerikanischen Traum für viele zur Schimäre hat werden lassen. Mag das Hochschulsystem auch manchen Mike hervorbringen, bleiben zu viele Margies doch auf der Strecke. Diese harte Wahrheit verpackt Lindsay-Abaire in teils bissigen, teils sarkastischen Humor und erinnert damit bisweilen an die Sozialdramen des britischen Regisseurs Ken Loach.

Auf der Drehbühne des English Theatre, in der Morgan Large geschickt verschiedene Wohnungen, eine Bingo-Halle und einen Hinterhof eingerichtet hat, überzeugt ein vorzügliches Ensemble britischer Schauspieler, denen in diesem Fall auch ihre reichhaltige Fernseherfahrung zugutekommt. Denn in seinen dichtesten Momenten wirkt das Stück wie eine meisterliche Sitcom voller skurriler und doch lebensechter Charaktere, denen bei all ihren großen und kleinen Fehlern uneingeschränkte Sympathie gilt. Denn zumindest bemühen sie sich, „good people“ zu sein, mit denen es das Schicksal schließlich nicht immer nur schlecht meint.

 

Frankfurter Rundschau

13. Mai 2013,  Von Sylvia Staude

Ein stolzes Arbeiterherz

„Good People“, ein amerikanisches Sozialdrama, im English Theatre Frankfurt 

Vom Spülbecken-Theater, Kitchen Sink Drama, sprach man im Großbritannien der 60er-Jahre, vor allem im Zusammenhang mit den sozialkritischen Stücken der sogenannten zornigen jungen Dramatiker Englands. Die Arbeiterklasse und ihre Frustrationen aufgrund mangelnder Aufstiegsmöglichkeiten wurden zum Thema, John Osbornes „Blick zurück im Zorn“ loste eine kleine Text-Welle aus.

Ein spätes Kitchen Sink Drama hat jetzt das English Theatre Frankfurts erreicht, „Good People“ von David Lindsay-Abaire. Der 1969 geborene amerikanische Dramatiker hat selbst einen Arbeiterklasse-Hintergrund, laut Programmheft wuchs er in einem recht rauen Tell Bostons auf. „Good People“ hatte 2011 Uraufführung, Frances McDormand spielte die Hauptrolle der Margaret „Margie“ Walsh, die gerade mal wieder ihren Kassiererinnen-Job verliert, well sie so oft unpünktlich ist. Die aber unpünktlich ist, well sie ihre erwachsene, behinderte Tochter nicht allein lassen kann . Und weil Nachbarin (und Vermieterin) Dottie, obwohl sie fürs Hüten bezahlt wird, ihrerseits oft zu spät kommt.

Es ist ein geradliniges Stück, das relativ komplexe moralische Fragen stellt

Margie also erhält zu Beginn des Stückes just ihre Kündigung – ein schäbiges Stückchen Supermarkt-Innenhof hat Bühnenbildner Morgan Large für diese Szene hingestellt -, ausgerechnet von Stevie, mit dessen Mutter sie befreundet. Margie plappert und plappert, schwört und schimpft, um das Schicksal abzuwenden, aber dann ist sie Stevie nicht lange gram: Er habe ja nicht anders gekonnt.

Überhaupt tragt Margie (Janet Greaves) offenbar das Herz auf dem rechten Fleck und hat es zudem voll Zuversicht. Mit Verve begibt sie sich auf Stellensuche. Als ihre Freundin Jean (Louise Yates) erzählt, dass sie einem ehemaligen Freund Margies über den Weg gelaufen ist, der es zum Arzt gebracht hat, geht sie zu ihm, um ihn um einen Job zu bitten. Wie sie sich nun in Mikes Leben drängt, das macht sie noch nicht zu einem schlechten Menschen – aber es entstehen doch Zweifel, ob sie zu den „Good People“ gehört.

Erzählerisch geradlinig, doch moralisch komplex hat Lindsay-Abaire das Stück angelegt. Als Margie von Mike (Kevin McGowan) – Mikes Frau will sie wenigstens als Babysitterin engagieren-,  erzählt sie dieser nicht nur, dass sie und Mike mal ganz kurz ein Paar waren, sondern auch, dass die behinderte Tochter von Mike ist. Um ihm den Aufstieg zu ermöglichen, habe sie damals nichts von dem Kind gesagt. Aber hatte er es sich nicht denken können? Was sei das für eine Mutter, fragt Mikes Frau da, die nicht dafür sorgt, dass das Kind auch einen Vater hat? Noch dazu einen, der klug genug war, es aus dem Armutsviertel rauszuschaffen.

Michael Howcroft inszeniert die Geschichte als Erstaufführung in Deutschland so zielgerichtet, wie sie geschrieben ist, und bemüht sich durchweg um Realismus. So dass auch die Schauspieler sich Schnörkel und Exaltiertheiten sparen. Besonders Janet Greaves ist glaubwürdig als handfeste, unsentimentale Arbeiterin. Dass ihr Stolz ihr einst im Weg stand, dass sie einen Fehler machte, als sie sich von Mike trennte, das scheint ihr nicht lange nachzuhängen. Am Ende spielt sie mit ihren Freundinnen wieder Bingo.

 

Frankfurter Neue Presse

13. Mai 2013,   Von Thomas Ungeheuer

Gegensätzliche Lebenswelten prallen aufeinander

 

Mit einem begeisterten Publikum feierte David Lindsay-Abaires Tragikomödie „Good People“ am „English Theatre“ Frankfurt Deutschlandpremiere.

Oft erkennt man schon am Hintereingang einer Firma, wie viel Respekt die Betriebsleitung ihren Mitarbeitern entgegenbringt. Der, an dem Margie (Janet Greaves) und ihr Vorgesetzter Stevie (Will Close) stehen, ist auffallend schäbig.

In den letzten beiden Monaten ist Margie sieben Mal zu spät zur Arbeit gekommen. Stets gab es eine Ermahnung für die etwa 50-Jährige. Jetzt muss Stevie sie entlassen. Eine weitere Chance bekommt die alleinerziehende Mutter nicht. Zu Hause in ihrer bescheidenen Wohnung wird sie von ihren treuen Freundinnen Dottie (Fiz Marcus) und Jean (Louise Yates) aufgemuntert. Hier in „Southie“, einem trostlosen Vorort von Boston, hilft man sich beim Kampf ums Überleben.

Also bekommt Margie einen scheinbar wertvollen Rat. Mike (Kevin McGowan), Margies einstiger Freund aus der Highschool, ist mittlerweile Arzt. Vielleicht hat er eine Arbeit für Margie. Voller Hoffnung sucht sie ihn in seiner Praxis im vornehmen Stadtteil Beacon Hill auf. Die zwei sprechen ausgiebig übereinander. Obwohl beide aus demselben Armenviertel kommen, leben sie jetzt in völlig unterschiedlichen Welten. Einen neuen Arbeitsplatz kann Mike der einstigen Geliebten nicht bieten. Aber immerhin lädt er sie zu seiner Party bei sich zuhause ein. Vielleicht habe ein Freund einen Job für sie. Jedoch erfährt Margie schon wenig später, dass die Feier abgesagt sei. Bloß glaubt sie an eine fadenscheinige Lüge und besucht Mike, der seit ein paar Jahren mit der jungen, hübschen und gebildeten Kate (Gracy Goldman) verheiratet ist. Was wohl Margie dort erwartet?

Die Bühnenbilder, die Morgan Large für eine Drehbühne entworfen hat, könnten kaum stimmiger Margies und Mikes gegensätzliche Lebenswelten widerspiegeln. So wirkt denn auch die erste Hälfte von „Good People“ fast trostlos und grau in ihren Stimmungen. Erst nachdem Margie die Türschwelle zu Mikes luxuriösem Heim übertreten hat, nimmt die Tragikomödie an Fahrt auf. Bald amüsiert das Stück mit wunderbar geschliffenen Dialogen – vorgetragen von Darstellern, die ihre sorgfältig gezeichneten Figuren brillant verkörpern. Mit ihnen bleiben David Lindsay-Abaires Beobachtungen von Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten weitgehend unberechenbar in ihren Ergebnissen.

Regisseur Michael Howcroft weiß die Wucht des Stücks mit all seinen klugen Gedanken sehr eindringlich und spannend zu inszenieren. So entwickelt sich „Good People“ zu herausragendem Theater, das mit seinen Bildern und Worten sowohl unterhalten wie nachhaltig berühren kann.

“Beeindruckendes Schauspiel” Frankfurter Allgemeine Zeitung

“In seinen dichtesten Momenten wirkt das Stück wie eine meisterliche Sitcom voller skurriler und doch lebensechter Charaktere, denen bei all ihren großen und kleinen Fehlern uneingeschränkte Sympathie gilt” Frankfurter Allgemeine Zeitung

“Michael Howcroft inszeniert die Geschichte als Erstaufführung in Deutschland so zielgerichtet, wie sie geschrieben ist “ Frankfurter Rundschau

“So entwickelt sich ‘Good People’ zu herausragendem Theater, das mit seinen Bildern und Worten sowohl unterhalten wie nachhaltig berühren kann” Frankfurter Neue Presse